Wie mache ich schöne und eindrückliche Fotos von Wildtieren?


Eine gute Ausrüstung ist bei der Wildtierfotografie wichtig. Noch entscheidender ist aber das Vorgehen, das möglichst auch auf die Ausrüstung abgestimmt sein sollte. Hier findest Du einen kleinen Crashkurs, mit praxiserprobten Tipps, wie Du eindrückliche und ästhetische Fotos von wild lebenden Tieren machst:

1. respektiere die Natur Um freilebende Tiere zu fotografieren, müssen wir ihren Lebensraum aufsuchen. Dabei kann es passieren, dass ein Tier derart gut getarnt ist, dass wir es zu spät bemerken und es stören. Wir sollten deshalb Gebiete meiden, in denen sich vom Aussterben bedrohte Arten aufhalten. Aber auch bei den nicht bedrohten Arten sollten wir respektvoll vorgehen. Halte Dich immer an die Vorschriften für das Gebiet in dem Du Dich bewegst und lasse nichts zurück.
Respektvolle Naturfotografie macht mehr Freude. Und mehr Freude bedeutet längerfristig mehr Motivation und damit auch mehr Erfolg.

2. Information Informiere Dich über die Tiere die Du fotografieren möchtest und über deren Lebensraum: Wenn Du weisst, mit welchen Sinnen die Tiere die Umgebung wahrnehmen, wann sie sich wo aufhalten und was es dort sonst noch zu fotografieren gibt, planst Du effizientere und erfolgreichere Fototouren und störst auch die Tiere weniger.

3. Geduld Eine erfolgreiche Fototour ist, wenn man ohne Tiere gestört zu haben, wieder gesund nach Hause zurückkehrt. Natürlich ist es noch besser, wenn sich dabei schöne Bilder auf der Speicherkarte befinden. Bei der Naturfotografie kann das allerdings nicht erzwungen werden. Wenn Du die Geduld und Ausdauer hast Deine Chance immer wieder zu suchen, klappt es aber garantiert!

4. Dein Gebiet vor Deiner Haustüre Wenn Du an einer geführten Fotoreise teilnimmst, machst Du sicher tolle Bilder. Ähnliche Bilder werden aber schon dutzende Fotografen vor Dir gemacht haben.
Um einzigartige Naturfotografien zu machen suchst Du Dir am besten ein Projekt in Deiner Nähe und verfolgst es über einen längeren Zeitraum. Wenn Du das gleiche Gebiet immer wieder zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten und bei allen Wetterlagen aufsuchst, lernst Du, wann sich die Tiere wo aufhalten und wie sie sich dabei verhalten. Dann findest Du auch heraus, wie Du sie fotografieren kannst, ohne sie zu stören, machst Bilder, die ohne dieses Wissen nicht zu realisieren wären und erlebst beglückende Momente in der Natur, ohne dieser zu schaden.
Hirsch, Spiesser 12ender röhrender 12ender

5. Licht Nicht umsonst lautet der Fotografengruss «Gut Licht»: Erst das Licht gibt uns die Möglichkeit überhaupt zu fotografieren. Die Qualität des Lichts beeinflusst die Qualität des Bildes wesentlich. Je tiefer der Sonnenstand, desto höher stehen Deine Chancen auf stimmungsvolle Bilder. Je tiefer die Sonne steht, desto höher sind aber auch die Anforderungen an Dein technisches und gestalterisches Können.
Achte am frühen Morgen und am Abend auch auf die Farben: Durch die Brechung des Lichts in der Atmosphäre wechselt mit dem Sonnenstand auch die Farbstimmung.
Lichtstimmung bei Frontallicht, Bekassine Makrofotografie, Alpengelbling Lichtstimmung bei Streiflicht, Bienenfresser mit Biene Gegenlichtsituation Tierfotografie, Steinbock Rotkehlchen Torf-Mosaikjungfer im Flug Gegenlichtsituation mit Steingeiss Bartgeier

6. Nähe «Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran». Dieses Zitat von Robert Capa (Fotograf und Kriegsreporter) könnte auch von einem Wildtierfotografen stammen: Ein grosser Teil des Reizes von Tierbildern macht aus, dass Details erkennbar werden, die man von blossem Auge nicht bemerkt. Und: Durch optische Nähe entsteht auch emotionale Nähe. Genau das wollen wir ja: Fotos die berühren. Lichtstarke Objektive mit einer langen Brennweite lassen die Tiere näher erscheinen. Dies hat aber Grenzen. Besonders wenn die Luft flimmert oder wenn es dunstig ist.
Birkhahn-portrait Gartenkreuzspinne Kreuzotter

7. Tarnung, ducken und langsame Bewegungen Weil Nähe so wichtig ist, hier ein weiterer Tipp zu diesem Thema: Durch Tarnung, durch Ducken und teilweise auch durch langsame Bewegungen kommst Du den Tieren näher. Das mit den langsamen Bewegungen ist oft eine Gratwanderung: Setzt sich z.B. ein Vogel in Deine Nähe und Du reisst die Kamera hoch, fliegt er vermutlich weg. Machst Du aber zu langsam ist die Chance gross, dass er bereits von sich aus weitergeflogen ist, bevor Du ihn im Sucher hast: Je nach Art verweilt er auch ohne Störung nur Sekunden am gleichen Ort.
Steinhuhn

8. Das rollende Tarnzelt Wir Menschen waren schon immer auch Jäger. Weil in Europa schon lange eine hohe Bevölkerungsdichte herrscht, haben die Tiere hier gelernt, dass Menschen für sie gefährlich sind und meiden sie. In einem Auto sitzend empfinden uns die meisten Tiere aber offenbar als weniger gefährlich. Für die Wildlife-Fotografie können wir das nutzen. Aber auch hier gilt: Zuerst die Sicherheit, dann die Natur und dann erst das Bild.
Gämsen am Julierpass Sperlingskauz, aus dem Auto fotografiert Feldhase

9. Augen Man sagt nicht umsonst, die Augen seien der Spiegel der Seele. Blicke sind für uns ein wichtiges Kommunikationsmittel. Wenn Du ausdrucksstarke Bilder möchtest, fokussiere auf die Augen.
Steinadler-Portrait Sperlingskauz Steinbock mit Blickkontakt Marienkäfer

10. Perspektive Am meisten emotionale Nähe entsteht, wenn sich das Motiv auf Augenhöhe mit dem Fotografen befindet. Dazu kommt, dass das Motiv dann auch meistens vor dem Hintergrund freigestellt erscheint. Wenn Du willst, dass das Tier ein wenig erhaben wirkt, kannst Du es auch leicht von unten fotografieren.
Als Tierfotograf sollte man sich nicht zu schade sein, sich vor seinen Motiven auf den Boden zu legen.
Murmeltier Alpen-Baumschnecke Grasfrosch Steinbock, leicht von unten fotografiert

11. Der Hintergrund Je ruhiger der Hintergrund, desto stärker wirkt das Motiv im Vordergrund. Dabei helfen lichtstarke Objektive, die den Hintergrund in der Unschärfe verschwimmen lassen. Besonders attraktiv sind Bilder, bei denen die Farben von Vorder- und Hintergrund harmonieren.
Dohle Schwarze Heidelibelle sitticus longipes

12. Die Bildkomposition Etwas leerer Raum um das Tier lässt das Bild grosszügig wirken. Besonders harmonisch wirken Bilder bei denen die Raumaufteilung im Goldenen Schnitt, respektive in der «Drittelregel» liegt. Wenn möglich solltest Du den offenen/leeren Drittel in Blickrichtung des Tiers platzieren damit das Bild dynamisch wirkt.

13. Verstosse gegen die Gestaltungsregeln Aussergewöhnliche Naturfotos sind oft Bilder, bei denen gezielt gegen die Gestaltungsregeln verstossen wurde. Das heisst jetzt nicht, dass die vorherigen Tipps zur Bildgestaltung nichts wert sind. Wenn Du aber experimentierst, kreativ bist, und Dich dabei situativ auch über die gängigen Vorstellungen wie ein Bild gestaltet sein soll hinwegsetzt, ist das mindestens genauso wertvoll.
Flussuferwolfspinne Gämsen Hirsch Steinbock vor dem Piz Palü Steingeiss und Kitz in verschneiter Felswand Stockentenpaar beim Gründeln Grünschenkel mit Spiegelung kapitaler Steinbock

14. Bewegung Um Tiere in Bewegung zu fotografieren, verwendest Du am besten den kontinuierlichen Autofokus. Meistens sind kurze Verschlusszeiten eine gute Wahl. Es muss aber nicht immer das in der Bewegung «eingefrorene» Tier sein: Unwichtige oder störende Bildpartien können durch Bewegungsunschärfe aufgelöst werden. Gleichzeitig macht Bewegungsunschärfe auch die Bewegung sichtbar und lässt das Bild dynamisch wirken.
Gamsbock junge Gämse Birkhähne beim Balzkampf Turmfalke

15. Besondere Momente Wenn man viel Zeit bei den Wildtieren verbringt, ergeben sich immer wieder Momente bei denen die Tiere ein besonderes Verhalten zeigen. Auf diese Momente solltest Du warten und sie nutzen.
Steinböcke beim streiten Gamsgeiss mit Kitz Murmeltier-Kätzchen Steinadler-Küken mit kleinem Fuchs

16. Kenne und nutze die Möglichkeiten Deiner Kamera
Damit es Anfängern möglich ist die Übersicht zu behalten und die Tipps auch zu befolgen, werden hier hauptsächlich die Grundeinstellungen behandelt. Auf hersteller- oder gar modellspezifische Kameraeinstellungen einzugehen würde den Rahmen hier sprengen.



17. Bleibe hungrig Wenn sich ein Tier bei schönstem Licht genau so präsentiert wie man es sich erträumt hat, möchte man das Bild am liebsten sofort am grossen Bildschirm betrachten und es der Frau zeigen. Mach das nicht! Es ist nicht logisch, aber erfahrungsgemäss ist gerade jetzt die Chance besonders gut, noch bessere Bilder zu machen. Wenn Du also einen "Lauf" hast, laufe bis er mausetot ist.
Es kommen dann auch wieder Tage an denen man ansitzt und kaum ein Tier sieht und die Tiere die man sieht zeigen sich nur von hinten...

18. Bildauswahl Schaue Deine Bilder so schnell wie möglich nach der Fototour kritisch an: Dir sind dann die Umstände, unter denen die Bilder entstanden sind noch präsent, Dir wird bewusst was Du hättest besser machen können und so lernst Du etwas für die nächste Tour. Du kannst auch direkt nach der Tour eine grobe Sortierung durchführen.
Vor der definitiven Bildauswahl solltest Du dann aber einige Tage verstreichen lassen: Die Erlebnisse in der Natur lösen Emotionen aus, von denen Du vor der Bildbeurteilung Abstand gewinnen solltest. Beurteile Deine Bilder nicht aufgrund der Gefühle die Du beim Fotografieren hattest, sondern finde heraus was für Emotionen das Bild selbst auslöst.
Werde Mitglied bei der Fotocommunity, im Forum für Naturfotografen oder bei Instagram: Dort bekommst Du wertvolle Tipps, setzt Dich mit der Beurteilung von Fotografien auseinander und kannst auch anderen Naturfotografen helfen besser zu fotografieren.
Dein stärkster Verbündeter auf dem Weg zu spannenden Bildern heisst übrigens «Papierkorb»: Wenn Du konsequent mit ihm zusammenarbeitest und ihm alles überlässt was nicht wirklich beeindruckend ist, wirst Du nur beeindruckende Bilder machen.

19. halte Dich fit Wenn man, wie ich, die ganze Woche einen Büroberuf ausübt und dann am Wochenende schwer beladen einige Stunden im Gebirge hinauf- und hinunterläuft ist das eine hohe Belastung. Nachdem ich mit den Knien und dem Rücken Probleme bekommen habe, trainiere ich jetzt zwei mal pro Woche die Beine und die Rumpfmuskulatur. Schaue auch Du, dass Dein Körper bereit ist für Deine Fototouren.

20. Übung macht den Meister Am besten gehst Du zum Üben in den Tierpark oder in den Zoo: Es wäre schon sehr ärgerlich, wenn Du stundenlang auf ein Wildtier ansitzt, und wenn sich endlich ein Tier am erhofften Ort und bei schönem Licht einfindet, passiert ein blöder Anfängerfehler (Akku leer, keine Speicherkarte drin, Kameraeinstellung falsch...). Zudem trifft man im Tierpark oft Kollegen und als Wildtierfotograf sollte man keine Gelegenheit zum Fachsimpeln auslassen: Man lernt immer etwas dazu. Aber Vorsicht: Die meisten Wildtierfotografen schätzen die Stille und sind gerne alleine unterwegs. Gegenüber Menschen sind sie dann eher zurückhaltend. Also nicht enttäuscht sein wenn sich nicht sofort ein interessantes Gespräch entwickelt...

Ich freue mich auf konstruktive Kritik, Anmerkungen und Ergänzungen: matthias.meyer@wildtierfotografie.ch

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